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09.02.2010, 10:24 Uhr

"Ewiges Talent entspricht nicht der Realität"

Im Alter von 20 Jahren wagte Michael Wagner den Schritt zum SC Freiburg

Wien – Michael Wagner befindet sich in einer Phase des Übergangs.

Der 35-Jährige macht bei Obergänserndorf den Spielertrainer und kann sich nun auch eine Karriere als Coach vorstellen.

Mit seiner aktiven Karriere ist der Wiener, der zehn Länderspiele bestritten hat, zufrieden. „Wer mich als ewiges Talent bezeichnet hat, war ein Ahnungsloser“, so der Ex-Profi im LAOLA1-Interview.

Der Mittelfeldspieler spricht außerdem über seine Erfahrungen mit Mäzenen, seinen Wechsel von Rapid zur Austria und die kurze Zeit in Freiburg.

LAOLA1: Du bist seit eineinhalb Jahren Spielertrainer bei Obergänserndorf in der niederösterreichischen Gebietsliga. Wie ist es zu diesem Engagement gekommen?

Michael Wagner: Nach meiner aktiven Karriere habe ich mir zweimal überlegt, ob ich mir diesen Schritt antun will. Mein Körper hat mir aber rasch signalisiert, dass er noch nicht will, dass ich nichts tue. Da war es naheliegend, weiterhin Fußball zu spielen. Das ist mein Leben, das macht mir Spaß. Speziell am Anfang ist es für die Gegner sicher interessant. Den Zuschauern wird dann aber wahrscheinlich schnell klar, dass ich ein 08/15-Mensch wie jeder andere bin. Für die Gegenspieler ist es sicher nicht uninteressant, zu sehen, was ich auf dem Platz so mache. Wäre die Sache ausgeufert, hätte sich also jeder Gegner gegen mich beweisen wollen und wäre negative Stimmung am Platz entstanden, hätte ich sofort die Notbremse gezogen.

LAOLA1: Du hast nun auch als Trainer mit der A-Lizenz begonnen. Ist es dein Ziel, einmal Profi-Coach zu sein?

Wagner: Am Ende meiner Karriere konnte ich es mir überhaupt nicht vorstellen, als Trainer zu arbeiten. Mit etwas Abstand habe ich den Job dann aber doch angenommen. Und jetzt ist das Feuer in mir entfacht. Es war interessant anzusehen, ob man seine Erfahrungen den Spielern mitgeben kann. Ich kann mir vorstellen, als Trainer ins Profi-Geschäft zurück zu kehren.

LAOLA1: Du arbeitest dich als Trainer also langsam hoch?

Wagner: Natürlich geht das nur step by step. Es wäre verfrüht zu sagen, ich trainiere jetzt die Kampfmannschaft der Austria. Ich denke, es ist wichtig, in niedrigeren Klassen zu beginnen. Man lernt alles noch intensiver kennen, hat mit Problemen, die im Profi-Geschäft nicht an der Tagesordnung stehen, zu kämpfen. Das bringt einen zurück zu den Wurzeln und macht Spaß. Ich möchte die Karriereleiter Stufe für Stufe erklimmen. Vielleicht trainiere ich in mittlerer bis ferner Zukunft einmal eine Profi-Mannschaft.

LAOLA1: Was machst du den lieben langen Tag sonst so?

Wagner: Ich habe ein Urlaubskonzept in die Welt gesetzt. Heuer wird erstmals ein Familien-Urlaub realisiert. Das normale Angebot in einem „All-inclusive-Club“ in der Türkei ist kombiniert mit einem speziellen Programm für die Kinder. Sie können Training in Schwimmen, Fußball, Golf, Tennis, Singen, Modeln, etc. mit ihren Idolen machen. Ich habe in allen Bereichen das Beste vom Besten dabei. Es werden etwa Nationalteam-Trainer vom ÖFB und ehemalige Bundesliga-Spieler dort sein. Markus Brier, Stefan Koubek, Mirna Jukic, Patricia Kaiser, Oliver Stamm und so weiter werden dabei sein. Es gibt überall Leistungsstufen, es können also auch Anfänger mitmachen.

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LAOLA1: Kommen wir zu deiner aktiven Karriere, die zumindest auf Profi-Ebene beendet ist. Wie fällt deine Bilanz aus?

Wagner: Wenn mir als Nachwuchsspieler jemand gesagt hätte, dass ich fast meine ganze aktive Karriere bei Top-Klubs wie Austria, Rapid und in Deutschland verbringe und das ein oder andere Ländermatch spiele... Ich bin zufrieden, habe auch einige Titel geholt. Man kann gerne im Wirtshaus am Stammtisch darüber diskutieren, ob da oder dort mehr drinnen gewesen wäre – mich persönlich bringt das aber nicht weiter. Ich will diese „Wenn-Theorien“ nicht ausdiskutieren.

LAOLA1: Du hattest stets den Ruf des ewigen Talents. Hat dich das gestört?

Wagner: Gestört hat es mich nicht. Ich habe es eher witzig gefunden. Meines Erachten haben solche Aussagen gezeigt, dass diejenigen, die sie getätigt haben, in diesem Geschäft Ahnungslose waren. Ich glaube kaum, dass mich ein Jogi Löw als Kapitän spielen hat lassen, weil ich ein ewiges Talent bin. Oder ein Christoph Daum. Ich habe viele Trainer gehabt. Im Nachhinein betrachtet war das nicht immer unbedingt positiv für mich. Ich musste mich pro Jahr fast auf zwei Trainer, die immer etwas anderes verlangt haben, einstellen. Das hat mich vielleicht universeller gemacht, aber ich habe dadurch auch die eine oder andere Stärke vernachlässigt. Ich habe mich jedoch immer wieder aufs Neue durchgesetzt. In der Stronach-Ära sind regelmäßig neue Top-Spieler gekommen, und ich habe immer eine tragende Rolle gespielt. Ewiges Talent entspricht also nicht der Realität.

Frank Stronach präsentiert Michael Wagner als Einstandsgeschenk beim FAK

LAOLA1: Wirklich noch ein Talent warst du im Alter von 20 Jahren, als du von der Austria zu Freiburg gewechselt bist. Viele Österreicher schlagen mittlerweile früh den Weg ins Ausland ein. War es für dich damals zu früh?

Wagner: Aus heutiger Sicht war es vielleicht sogar zu spät. Ich glaube, dass die Entwicklung in die andere Richtung geht. Alles wird viel, viel früher kommen. Nachwuchsspieler machen schon Transfers zu Top-Vereinen in Top-Ligen. Das macht schon Sinn. Vor Ort hat man dadurch nicht den Status eines Spielers, der aus der österreichischen Bundesliga geholt wurde. Da heißt es nach einem schlechten Spiel schnell einmal: „Was wollen wir mit diesen Ösis?“ Man kommt aus dem eigenen Nachwuchs und hat mehr Zeit, um sich auf das Niveau einzustellen.

LAOLA1: Und wie war es bei dir persönlich?

Wagner: Bei mit war der Schritt nach Deutschland sicher der richtige. Leider ist Freiburg in meiner ersten Saison abgestiegen. Ich hätte Angebote von Top-Vereinen aus Deutschland gehabt. Das waren für mich aber eher Angebote für die Zukunft. Ich war doch schon einige Jahre Stammspieler, habe Europacup gespielt und wollte ins Nationalteam. Vielleicht waren meine Ziele damals zu hoch. Ich wollte jedenfalls nicht zu einem deutschen Top-Klub, bei dem der Konkurrenzkampf am Anfang nicht zu bewältigen ist. Vielleicht hätte ich mich über die Dauer von ein, zwei Jahren durchsetzen können. Ich habe mich für den Weg zurück nach Österreich zu Rapid entschieden.

LAOLA1: Du warst bei Rapid und bist dann wieder zur Austria gegangen. War das damals problematisch?

Wagner: Die Rivalität Austria-Rapid kennt niemand besser als ich. Ich bin gebürtiger Wiener, habe unter meinen Verwandten und Freunden Fans beider Lager. Ich kenne den Häkel also seit jeher. Natürlich gibt es auch den harten Kern der Fans. Ich sage es vorsichtig: Das sind jene, die die Grenzen oft überschreiten. Für die ist jemand, der einmal für Rapid gespielt hat, für die Austria für immer gestorben. Ich kann damit umgehen und spreche niemandem diese Einstellung ab. Diese Leute leben wirklich für den Verein, sind immer im Stadion. Wenn es ins Persönliche geht, hört es sich aber auf. Das verstehen einige leider nicht. Ich schätze die Fußball-Welt in Europa jedoch so ein, dass 90-95 Prozent der Fußball-Anhänger den Sport und ihren Verein lieben. Die sind dann auch ganz froh, wenn ein guter Spieler kommt. Im Nachhinein kann ich auf jeden Fall offen und ehrlich sagen: Ich bin ein Austria-Anhänger.

LAOLA1: Dein Bruder ist früher oft auf der Fantribüne der Austria gestanden. Wie hat er dein Engagement bei Rapid aufgenommen?

Wagner: Er steht bis heute noch dort. Meine ganze Familie ist violett. Dementsprechend haben die das größte Problem damit gehabt, dass ich bei Rapid war. Mein Bruder hat mir das wahrscheinlich bis heute nicht verziehen. Ich bin übrigens als Junger auch auf der Fan-Tribüne der Austria gestanden. Ich musste aber für meine Karriere das Beste heraussuchen. Die Austria war damals in einer schwierigen Situation, es hat gar keine Gespräche gegeben. Und Rapid ist ein Top-Klub und war sehr interessant. Ich habe für Rapid immer alles gegeben.

LAOLA1: Man erinnert mich noch gut an das Bild, auf dem du mit Frank Stronach und einem Scheck über die Höhe von zehn Millionen Schilling zu sehen bist. Der Druck in Wien-Favoriten muss groß gewesen sein...

Wagner: Das wird nach außen immer sehr aufgebläht. Das beste Beispiel ist dieser Zehn-Millionen-Scheck. Viele Leute haben geglaubt, der hat mir gehört. Das wäre super gewesen, war aber leider nicht so (lacht). Das war, soweit ich weiß, die Summe, die Stronach insgesamt investiert hat. Der größte Teil ist für die Ablöse von Ludwig Ernstsson draufgegangen. Mein Transfer war sowieso eine eigene Geschichte. Im Training hat mir Heribert Weber, der damalige Rapid-Coach, gesagt, ich wäre unverkäuflich. Drei Tage später war ich verkauft. Ich wurde eigentlich nur einmal kurz gefragt, ob die Austria für mich ein Thema ist.

LAOLA1: Stronach hat das letzte Jahrzehnt der Wiener Austria geprägt. Waren für dich all seine Aktionen verständlich?

Wagner: Sicher nicht. Wer die damalige Zeit verfolgt hat, weiß, dass ich mir oft den Mund verbrannt habe, weil ich meine Meinung öffentlich kund getan habe. Ich habe auch intern immer wieder das Gespräch gesucht und versucht, auf Fehler hinzuweisen. Das hat mich in meiner Position im Verein nicht gerade gestärkt oder populärer gemacht. Stronach war aber nie ungut, hat sich das immer angehört. Schlussendlich hat er jedoch gesagt: „Wer das Geld hat, der entscheidet.“ Er hat anders entschieden. Das muss man akzeptieren. Er hatte die Berechtigung dazu. Mit den Möglichkeiten, die die Austria unter Stronach hatte, hätte mehr heraus schauen müssen. Auch von der Infrastruktur her. Das war einer meiner großen Kritikpunkte.

LAOLA1: Du hast nicht nur Stronach, sondern auch Richard Trenkwalder hautnah erlebt. Sind Investoren die Zukunft des österreichischen Fußballs?

Wagner: Ja, sicher. Der europäische Fußball entwickelt sich immer mehr in die Richtung, dass Geld keine Rolle mehr spielt. Um da als kleines Österreich mitzuhalten, bedarf es ganz einfach solcher Leute. Die zwei angesprochenen Herren sollten sich vielleicht von Didi Mateschitz ein Scheibchen abschneiden. Mir gefällt sein Konzept viel besser. Er ist viel ruhiger und lässt sich nicht so schnell von außen unter Druck setzen. Ich war bei Stronach und bei Trenkwalder von Anfang an dabei. Die Erstgespräche klingen immer sehr vernünftig und nachvollziehbar. Man sitzt da und denkt sich: „Aha, der gibt dem Verein wirklich die nötige Zeit.“ Mit dem Druck von außen und der herrschenden Einstellung, nie zufrieden zu sein, können die meisten nicht umgehen. Wenn man ein Fünfjahres-Konzept nach eineinhalb Jahren über Bord wirft und alles aus dem Ruder gerät, ist das traurig.

LAOLA1: Aber auch Mateschitz wechselt im Einjahres-Takt die Trainer...

Wagner: Das sind Sachen, die passieren. Meiner Einschätzung nach, werden diese Entscheidungen von sehr vielen anderen Köpfen getragen.

LAOLA1: Das Ende deiner Profi-Karriere hat in Schwadorf bzw. bei der Admira stattgefunden. Warum bist du mit 30 Jahren in die Regionalliga gegangen?

Wagner: Es war eine meiner schwersten Entscheidungen. Fakt war, dass es einige Interessenten gegeben hat, sportlich aber nicht das dabei war, wo ich um den Titel mitspielen hätte können. Der Rest der Liga hatte Interesse. Meine Tendenz ist aber eher ins Ausland gegangen. Ich war mir mit einem Verein aus der Major League Soccer praktisch schon einig. Dann kam der Anruf von Schwadorf – ich habe den Verein vorher gar nicht gekannt. Ich habe mich mit Trenkwalder zusammengesetzt und ein hochinteressantes Fünfjahres-Konzept vorgelegt bekommen. Es war für mich ein Rundum-Paket inklusive Karriere danach. Ich habe mich dann für dieses Projekt entschieden. Auch weil ich nicht auf einen fahrenden Zug aufspringen, sondern einen Verein mitentwickeln wollte. Ich habe aber auch dort einen Herrn getroffen, der seine Pläne rasch über Bord geworfen hat.


Das Gespräch führte Harald Prantl

Quelle: LAOLA1.at

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