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Säumel - eine Karriere ohne Plan B

Jürgen Säumel steht im Mittelfeld des ÖFB-Teams verlässlich seinen Mann

Wien – Angefangen hat die Misere mit einem kleinen Wehwehchen in der Leistengegend.

Jürgen Säumel dachte sich nichts dabei. Er spielte und trainierte weiter. Als die Schmerzen schlimmer wurden, ließ er sich mit Voltaren fitspritzen.

Nirgends zeigt sich der Charakter eines Menschen wohl so deutlich, wie in Krisensituationen. Der Name Säumel steht für Verlässlichkeit, Sachlichkeit und Führungsstärke.

Niemals hätte der junge Kapitän des SK Sturm seine Mannschaft in jenem Herbst 2005, der Ausgangspunkt für eine kleine Lebenskrise sein sollte, im Stich gelassen.

„Es ist immer schlimmer geworden“

Bis ihn jene hartnäckige Schambeinentzündung, die letztlich mehr als ein Jahr der aufstrebenden Karriere kosten sollte, unfreiwillig lahm legte.

„Ich habe es einfach übersehen und übertrieben“, gesteht der Obersteirer rückblickend im Gespräch mit LAOLA1 und erinnert sich an das Martyrium:

„Es ist immer schlimmer geworden. Ich habe dann den Fehler gemacht, dass ich von Arzt zu Arzt gelaufen bin und von jedem Arzt im Prinzip eine andere Diagnose bekommen habe. Ich geriet in einen Strudel, wo es schwer war, wieder herauszukommen. Ich habe dann komplett das Vertrauen zu den Ärzten verloren. Wenn die Therapie nicht nach ein, zwei Wochen erfolgreich war, habe ich sie gleich wieder abgebrochen.“

Der Tiefpunkt war im Herbst 2006 erreicht. Säumel war sechs Wochen lang auf Reha in Donaustauf bei Klaus Eder, dem Physiotherapeuten der deutschen Nationalmannschaft. Der Erfolg? Mäßig.

„Da habe ich mir schon gedacht: Wenn mir der nicht helfen kann, wer soll mir dann noch weiterhelfen?“

Anruf von Pfeifenberger

Die Hilfe kam von unerwarteter Seite durch einen Anruf von Heimo Pfeifenberger. Der frühere Teamspieler meinte, vor Jahren eine ähnliche Verletzung gehabt zu haben und legte ihm Franz Leberbauer ans Herz.

Säumel düste nach Salzburg und baute schnell Vertrauen auf: „Er ist mit den ersten Diagnosen gleich richtig gelegen, das war für meinen Kopf auch sehr wichtig. Man kann sagen, dass ich es ihm zu verdanken habe, dass ich jetzt wieder spiele.“

Fußballspielen. Der Mittelfeld-Stratege lernte während dieser Zwangspause früh, dass dieser Beruf keine Selbstverständlichkeit ist. In der schlimmsten Phasen habe er sich auch Gedanken gemacht, was passiert, wenn es mit dem Fußball nichts mehr wird – Zukunftsängste ohne konkretes Ergebnis:

Video

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Irgendwann hatten die "Bock" Vorrang

„Einen Plan B hatte ich mir eigentlich noch nicht zurecht gelegt gehabt. Fußball war in meiner Jugend immer Nummer 1 und ist es immer noch. Mich hat der Ehrgeiz gepackt, ich habe mir immer wieder eingeredet, dass es das jetzt nicht gewesen sein kann. Ich wollte stärker aus dieser Verletzung hervorgehen. Ich glaube, dass ich das ganz gut umsetzen konnte.“

Talent im Fußball größer als auf zwei Brettern

Daran besteht kein Zweifel. Säumel feierte im Frühjahr 2007 sein Comeback und spielte in der Saison 2007/08 bei Sturm in der Form seines Lebens: „Wenn man nach einem Jahr wieder Fußball spielen kann, freut man sich einfach auf jedes Spiel und jedes Training. Und genauso habe ich mich am Platz präsentiert: Ich habe einfach mit Freude Fußball gespielt.“

 

Ein simples Erfolgsgeheimnis. Freude, die ihn schon als kleines Kind auszeichnete, als er zu Hause in Neumarkt noch mit Freunden im Garten kickte. Als die sich schließlich dem ortseigenen Verein anschlossen, zog Säumel jr. nach und wurde bis zum 16. Lebensjahr von seinem Vater trainiert.

In der Obersteiermark rund um Neumarkt gibt es viele Skigebiete. Logisch, dass damals den Verlockungen des Pulverschnees für einen Sportfreak nicht zu widerstehen war.

„Bis zu meinem 12. Lebensjahr bin ich Rennen gefahren bin. Mein Talent im Fußball war aber klar größer, also war relativ früh klar, dass ich es im Fußball versuchen werde.“

Seite an Seite mit Bruder Gerald

Dieses Talent war auch den „Blackies“ nicht entgangen, mit 16 leiteten sie den Rohdiamanten nach Graz um. Wodurch auf die Eltern eine erhebliche Belastung zukam. Im Sommer, als das Landesschülerheim geschlossen war, hieß es fast täglich 75 Minuten von Neumarkt nach Graz und zurück zu pendeln.

„Ohne die Unterstützung bzw. den Fahrdienst meiner Eltern hätte ich es unmöglich schaffen können.“

Mit an Bord war der 14 Monate jüngere Bruder Gerald. Seite an Seite arbeiteten sich die beiden die Karriereleiter hoch, ehe es den zweitgeborenen Säumel letzte Saison leihweise nach Leoben zog.

„Wir haben schon nach der Schule gemeinsam im Garten gespielt und später gemeinsam einige Bundesliga-Spiele für Sturm im zentralen Mittelfeld absolviert. Das ist schon etwas besonderes für mich.“

Kapitänswürde als Parallele zu Ivanschitz

Bei Sturm legte Säumel eine rasante Karriere hin, obwohl er zu Beginn im BNZ aufgrund körperlicher Defizite Schwierigkeiten hatte Anschluss zu finden. Als diese aufgeholt waren, merkte er schnell, dass er zu den Talentiertesten gehört.

Jürgen Säumel verlässt den SK Sturm - sein Abschied war tränenreich

Nach einem Zwischenstopp im Amateur-Team des heutigen Chefrainers Franco Foda debütierte die Nummer 24 bei den Profis: „Bei Sturm war es damals noch sehr schwierig, in der ersten Mannschaft Fuß zu fassen. Als ich dann die ersten Einsätze hatte, war ich schon sehr stolz.“

Im Alter von 20 Jahren wurde er, nachdem viele Leistungsträger den Verein verlassen hatten und als Symbolfigur für den Weg mit jungen, steirischen Spielern von Trainer Michael Petrovic zum Kapitän bestimmt , weil er von den jungen Grazern schon am längsten dabei war.

Eine Parallele zu Andreas Ivanschitz im Nationalteam? „Bei ihm war es sicher ähnlich. Wobei es schon noch ein Unterschied ist, bei der Nationalmannschaft Kapitän zu sein als bei Sturm Graz.“

„In Top-Ligen hat Fußball höheren Stellenwert als in Österreich“

Am Anfang habe er sich Tipps bei alten Hasen wie Günther Neukirchner oder Franck Silvestre geholt. Zuletzt fühlte sich Säumel in der Rolle auch sehr wohl, das war nicht immer so:

„Man hat sehr viele Aufgaben rund um den Fußball zu erledigen und vergisst sehr leicht aufs Wesentliche, nämlich sich auf die eigene Leistung zu konzentrieren. Mittlerweile kann ich damit sehr gut umgehen, es beflügelt mich, dass ich die Mannschaft als Kapitän aufs Feld führen kann.“

Besser gesagt – konnte. Nach dem letzten Saison-Spiel weinte Säumel bittere Abschiedstränen. Auch wenn die Tinte noch nicht trocken ist, steht so gut wie sicher fest, dass der 23-Jährige den Sprung ins Ausland wagt. Hoffenheim und Gladbach gelten als Optionen.

Was lockt am Ausland? „Speziell in den Top-Ligen hat Fußball einen ganz anderen Stellenwert als in Österreich. Auch das Niveau ist besser, das merkt man in den Länderspielen. Man sieht, man kann bis zu einem gewissen Grad mithalten. Es wäre aber für die Nationalmannschaft sehr wichtig, wenn wir viele Legionäre hätten.“

EM-Titel als Trotzreaktion?

Innerhalb des ÖFB-Aufgebots hat Säumel spätestens mit seinen starken Leistungen als Sechser gegen Deutschland und die Niederlande einen Fixplatz  erobert. Sein langfristiges Ziel ist es, Führungsspieler zu werden.

Das kurzfristige ist die EURO, wo man sich als Spieler schon hin und wieder beim Träumen vom ganz großen Coup, dem EM-Titel, erwischen würde:

„Gerade in der Phase, wo das Nationalteam in Österreich ein sehr geringes Standing gehabt hat, versucht man schon so etwas wie eine Trotzreaktion zu zeigen und da denkt man sich schon: Im Sommer werden wir's denen schon zeigen. Und wenn man sich Gedanken macht, träumt man hin und wieder auch davon…“

Niemand wäre böse, wenn er sich diesbezüglich ebenfalls keinen Plan B zurechtlegen würde…

 

Peter Altmann