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Ein Leitgeb erobert die Welt
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Vastic und Co. schwitzen weiter
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Unvergessliche EURO-Momente
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Dem "faulen" Fischer soll der EM-Titel ins Netz

Christoph Leitgeb hat noch immer viel Kontakt zu seinen Ex-Kollegen bei Sturm

Wien – Der Edelsee im Bezirk Leibnitz, rund 20 Kilometer entfernt von Graz. Nicht unbedingt ein Ort, den man als Magnet für einen Fußball-Profi erwarten würde.

Irrtum. Christoph Leitgeb hat dort schon einige Stunden und Tage verbracht, seit sein Vater Klein-Christoph mit sechs oder sieben Jahren erstmals dorthin mitnahm. Womit? Mit Fischen, ein im Kicker-Genre ebenfalls überschaubar weit verbreiteter Zeitvertreib.

„Das taugt mir einfach, auch wenn es andere fad finden, wenn man acht oder zehn Stunden blöd am Teich sitzt und dann vielleicht nichts fängt. Aber mir ist das egal“, erzählt der 23-Jährige im Gespräch mit LAOLA1 und berichtet stolz von seinem bislang größten Fang – einem 13-Kilo-Karpfen.

Mit 15 oder 16 wollte ich zum Kicken aufhören“

Ungefähr im selben Alter, wie er seine Liebe zum Angeln entdeckte, ist der Blondschopf dem SK Sturm ins Netz gegangen. Ebenfalls vom Herrn Papa angestiftet.

Insofern erwähnenswert, da seine beiden Brüder sehr der roten Stadthälfte von Graz zugeneigt sind: „Aber wenn wir gegen den GAK gespielt haben, waren sie immer auf meiner Seite.“

Jaja, die Familie, im Nachhinein ein wichtiges Mosaiksteinchen in der Karriere des Christoph L., wie er selbst bekennt: „Mit 15 oder 16 wollte ich ja schon zum Kicken aufhören, da sind sie hinter mir gestanden und wollten, dass ich weiter mache. Ich habe meiner Familie sehr viel zu verdanken.“

Leitgeb war in Teenager-Jahren wohl das, was man als schlampiges Genie bezeichnen kann. Mit wesentlich mehr Können als Willen gesegnet. An später Einsicht mangelt es inzwischen keineswegs:

 

Ich war immer sehr faul“

„Ich habe immer ein besonderes Talent gehabt, war aber immer sehr faul. Diese Faulheit war immer mein Problem - nicht zu viel und nicht zu wenig machen. Zum Beispiel bei den Sprints nicht immer 100 Prozent, sondern nur 80 Prozent - nicht zu anstrengend halt.“

Eine Einstellung, mit der er so manchen Jugendtrainer zur Weißglut gebracht habe, was den hoch veranlagten Feinmotoriker laut Eigendefinition aber „irgendwie kalt gelassen“ hat.

„Mir ist erst mit 20 unter Franco Foda der Knopf aufgegangen. Dann ist es dahingegangen.“ Und wie es dahingegangen ist.

Nach starken Leistungen bei den Amateuren unter seinem Mentor Foda profitierte Leitgeb von einer Verletzungswelle bei den Profis. Der damalige Coach Michael Petrovic gab ihm die Chance in der Kampfmannschaft, der 1,71 Meter kleine Wirbelwind nutzte sie ebenso eiskalt wie in Rekordzeit.

 

Sturm ist für mich der beste Klub“

„Rund 20 Bundesligaspiele später habe ich mein erstes Länderspiel absolviert“, erinnert sich Leitgeb, inzwischen 17-facher Internationaler. Ausgerechnet gegen Kroatien – unseren ersten EURO-Gegner und die Heimat seines Vaters: „Aber er steht zu mir, also zu Österreich.“

Wo er heute wäre, wenn beim SK Sturm damals nicht allmählich das Geld ausgegangen wäre und notgedrungen ein Jugendwahn eingesetzt hätte?

„Das möchte ich gar nicht wissen“, meint er, um dann doch selbstbewusst festzustellen: „Aber ich hätte sicher einmal meine Chance gekriegt, vielleicht hätte ich sie auch dann genützt.“

Generell spielt der Grazer Traditionsverein eine große Rolle im Leben des nunmehrigen Red-Bull-Angestellten: „Ich bin bei Sturm aufgewachsen und habe Sturm in meiner Karriere sehr viel zu verdanken. Sturm ist für mich einfach der beste Klub.“

Nach langem Hin und Her nach Salzburg

Mit den meisten Spielern hat er auch nach seinem Abgang regelmäßig Kontakt gehalten, bei Besuchen in Graz versucht er die alten Kumpels zu treffen. Ein Jahr nach ihm werden nun mit Klaus Salmutter, Jürgen Säumel oder Thomas Krammer weitere Mitglieder einer Generation, die jahrelang ein verschworener Haufen war, die „Blackies“ verlassen.

„Die meisten spielen schon seit Ewigkeiten zusammen. Es war einfach geil, nach jedem Spiel sind wir zusammen fortgegangen. Da hat einfach alles gepasst, die Mischung zwischen alt und jung, es war immer Spaß dabei. Die Einheit war perfekt.“

Weniger ins Schwärmen gerät Leitgeb, wenn man ihn an seinen eher komplizierten Abschied vom Lebensverein erinnert. Erst nach langem Hin und Her („Das war ein Fehler von mir!“), einem Besuch im Salzburger Trainingszentrum in Taxham, sowie Gesprächen mit Trainer Giovanni Trapattoni und dem damaligen Manager Oliver Kreuzer erhielt Red Bull den Zuschlag – im Namen der Dose ist bekanntlich nur das Beste aus Österreich gut genug.

Ein Transfer, dem eine einem Wellental gleiche Saison folgte. Während in Graz beinahe jede Aktion über den Primgeiger lief, tat er sich im starren Konzept Trapattonis schwerer seine Stärken wie Tempo-Dribblings, Zug zum Tor oder gutes Auge für die Nebenmänner auszuspielen.

"Leiti" träumt von einem EM-Finale Österreich gegen Frankreich

Habe mich überhaupt nicht ausgekannt, warum und wieso?

Dennoch absolvierte er in der abgelaufenen Bundesliga-Saison 31 von 36 Spielen, sieben davon „nur“ als Joker. Leitgeb gibt an, mit seiner Situation zufrieden zu sein, wenngleich er gewisse Anpassungsschwierigkeiten an Traps Rotation zugibt:

„Im dritten Spiel bin ich schon 90 Minuten auf der Bank gesessen, das war ein kleiner Schock für mich. Ich habe mich überhaupt nicht ausgekannt, warum und wieso? Dann war ich einige Spiele auf der Bank, dann habe ich wieder einige Spiele regelmäßig gespielt, dann war ich wieder auf der Bank. Es ist immer durchgemischt worden.“

Vor seinem Wechsel in die Mozartstadt war der Steirer mit zahlreichen ausländischen Vereinen – unter anderem Middlesbrough, Celtic oder Bochum – in Verbindung gebracht worden. Zu einem Abschied aus Österreich konnte er sich trotz konkreter Angebote nicht durchringen:

„Ich habe mir schon Gedanken gemacht, ob es doch besser wäre ins Ausland zu gehen. Es hilft mir jetzt aber auch nichts mehr, wenn ich sage: Wäre ich doch gegangen.“ In ein, oder zwei Jahren möchte er diesen Schritt jedoch nachholen: „Wenn die Leistung stimmt.“

Nedved? „Ich bin der Leitgeb!“

Über den scheidenden Salzburger Star-Coach Trapattoni kommt ihm jedenfalls kein böses Wort über die Lippen, im Gegenteil: Der Mister sei ein Super-Mensch, charakterlich top.

Für immer mit dem Italiener verbinden wird ihn dessen Vergleich mit dem tschechischen Superstar Pavel Nedved: „Wenn's der Trapattoni sagt... Nerven tut mich der Vergleich nicht. Ob er stimmt, müssen andere entscheiden, aber ich bin der Leitgeb!“

Und diesen Leitgeb soll bei der EURO auch der Rest des Kontinents kennenlernen. Der Grazer ist jedenfalls schwer motiviert, gemeinsam mit seinen Kollegen für Furore zu sorgen:

Den ersten Elfer im Finale hau ich rein“

„Natürlich muss das Viertelfinale unser Ziel sein, im eigenen Land müssen wir die Gruppenphase überstehen. Wenn wir im Viertelfinale stehen, ist eigentlich alles möglich. Dann geht es von Spiel zu Spiel. Ein bisschen Glück, und wir stehen auch noch im Halbfinale.“

Oder darf's gar ein bisserl mehr sein? Gefragt nach seinem Finaltipp, wagt der eigentlich – zumindest gegenüber Reportern - Schweigsame eine besonders kühne Prognose:

„Österreich gegen Frankreich. Im Elferschießen gewinnen wir's. Den ersten hau ich rein, den entscheidenden unser Goalie. Europameister Österreich!“

Des Schweigers Wort in Gottes Ohr...


Peter Altmann