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Der "Capitano" - ein Saubermann, der polarisiert

Bei Rapid startete Andreas Ivanschitz seine Bundesliga-Karriere

Wien – Die Geschichte des Andreas Ivanschitz kennt das eine oder andere Missverständnis, vor allem das eine aus dem Winter 2006.

Kein Missverständnis ist jedoch, dass der Burgenländer diesen Juni bereits mit 24 Jahren spätestens und unwiderruflich in die Geschichte des österreichischen Fußballs eingeht.

Als erster und wahrscheinlich für immer einziger Kapitän eines österreichischen Nationalteams bei einer Heim-EURO.

Eine Rolle, die prägt. Eine Rolle, die einen in den Mittelpunkt rückt. Eine Rolle, die einen im Idealfall als Erstes den Pokal berühren lässt. Schon Michael Ballack schärfte vor zwei Jahren beim deutschen Sommermärchen als „Capitano“ sein Profil.

Jahrelang einsame Symbolfigur

„Ich möchte so spielen wie immer, meine Leistung bringen und der Mannschaft helfen. Wir möchten eine tolle EURO spielen und werden alles dafür tun. Und auch ich möchte meinen Teil dazu beitragen“, will Ivanschitz seine Sonderfunktion im Gespräch mit LAOLA1 nicht überbewerten.

Dabei ist Ivanschitz immer schon ein bisschen mehr als andere herausgestochen. Mit 16 war er der jüngste Spieler, der jemals bei einem Pflichtspiel das Rapid-Trikot trug. Vier Tage vor seinem 20. Geburtstag trug er im Oktober  2003 gegen Tschechien als jüngster Spieler der ÖFB-Geschichte die Kapitänsschleife des Nationalteams.

„Ich war in jungen Jahren Kapitän und habe versucht Verantwortung zu übernehmen. Natürlich muss man in so eine Rolle hinein wachsen“, sagt der Mittelfeld-Stratege heute, mit einigen Jahren und prägenden Erfahrungen mehr am Buckel.

Eigentlich ist es ohnehin nur schwer zu glauben, dass Ivanschitz erst 24 Lenze zählt, ist er doch schon das komplette Jahrtausend im heimischen Fußball präsent. Lange Jahre als nahezu einsame Symbolfigur dafür, dass auch junge Österreicher den Umgang mit dem Ball beherrschen.

Alleine in Wien

Gelernt hat er ihn in seinem Heimatort Baumgarten. Also Sohn eines Musikers wuchs er gemeinsam mit seinen Brüdern Martin und Clemens zwischen Noten und Rasen auf.

Beide Geschwister waren ebenfalls nicht unerfolgreiche Kicker, zerrissen ihre Fußball-Schuhe zumindest zeitweilig beim SV Mattersburg, Clemens sogar eine Saison lang in der Bundesliga.

 

Dass jedoch vom Ivanschitz-Trio Andreas mit dem meisten Talent gesegnet war, war schnell allen Beteiligten klar. Also folgte er bereits mit 14 Jahren dem Ruf aus der Bundeshauptstadt und wechselte in den Nachwuchs von Rapid.

Während Andi inzwischen mit Ehefrau Anja selbst eine Familie gegründet hat und Sohn Ilja sein ganzer Stolz ist („Etwas ganz Neues und unheimlich Schönes. Wir genießen jede Sekunde“), war er damals selbst noch auf die Hilfe von Mama und Papa angewiesen:

„Ich habe das Elternhaus verlassen und bin alleine nach Wien gegangen. Man muss sich in einer Großstadt wie Wien erst zurechtfinden und da ist die elterliche Unterstützung einfach ein unheimlich wichtiger Rückhalt.“

„Genug Möglichkeiten, wo auch ich gefeiert habe“

In Hütteldorf angekommen, wurde dem Top-Talent schnell klar: „Diese Chance wollte ich unbedingt nützen. Die Gelegenheit in so jungen Jahren bei einem Verein wie Rapid trainieren zu können, bekommen nicht viele. Ich habe dem Fußball alles untergeordnet.“

In der grün-weißen Kooperationsschule Maroltingergasse legte Ivanschitz erfolgreich die Matura ab, als Profi erwarb er sich früh den Ruf des Musterschülers und Saubermanns mit guten Manieren. Wobei er zumindest den Versuch, eine „normale“ Jugend zu haben, hervorhebt:

„Jeder, der Profisport betreibt, muss dem alles unterordnen. Natürlich muss man auf vieles verzichten. Man darf sich von Sachen, die einen zurückwerfen könnten, nicht ablenken lassen. Sprich: Ausgehen oder intensives Feiern. Man soll aber auch die Jugendzeit genießen. Ich habe das auch gemacht. Es gab genug Möglichkeiten, wo auch ich gefeiert habe. Ich würde heute daran nichts ändern wollen.“

Bei den Kleeblättern spielt der "Capitano" seit Sommer 2006

Bei Rapid gab es bald auch sportlich genügend Grund zum Feiern, mit dem Meistertitel 2005 als Höhepunkt. Ivanschitz hatte als Mittelfeld-Stratege neben Steffen Hofmann großen Anteil.

„Es war eine tolle Erfahrung. Meister zu werden, ist eine tolle Sache. Ich habe mich riesig gefreut. Wir haben damals einen tollen Fußball gespielt. Es war ein wahnsinniges Erlebnis, welches mir immer in Erinnerung bleiben wird.“

Vom grün-weißen Fan-Liebling zum Buhmann

Der Rekordmeister verfügte damals unter der Leitung des heutigen Teamchefs Josef Hickersberger über eine verschworene Truppe, die viel miteinander unternommen hat und bis dato Kontakt pflegt. Ivanschitz unterstreicht, wie schön es sei, wenn man sich beim Nationalteam wieder trifft und über alte Zeiten plaudern könne.

Dennoch musste es in der Winterpause 2005/06 zum eingangs erwähnten Missverständnis kommen. Der Blondschopf spürte, dass die Zeit für den nächsten Schritt reif war.

Im Nachhinein wählte er wohl den falschen, nämlich zu Red Bull Salzburg, und kommunizierte ihn auch noch schlecht. Vom absoluten Fan-Liebling wurde der damals 22-Jährige für die Rapid-Fans binnen weniger Tage zur absoluten Persona non grata im Hanappi-Stadion.

Was sie im Sommer 2007 beim Länderspiel gegen Schottland auch schäbig weit unter der Gürtellinie kund taten. Stritt man sich zuvor bestenfalls über Ivanschitz’ Führungsqualitäten, polarisierte er nun endgültig.

Durststecke in Salzburg als prägende Erfahrung

In Salzburg selbst lief es alles andere als ideal. Schon unter Trainer Kurt Jara konnte er nicht an gewohnte Leistungen anschließen, in den Planungen von dessen Nachfolger Giovanni Trapattoni spielte er maximal eine Nebenrolle.

Der Burgenländer sieht den Rückschlag heute als wertvollen Teil seiner Entwicklung, wie er erzählt:

„Ich wollte einfach den nächsten Schritt machen und auch im Nachhinein war es der richtige Schritt. Viele werden sagen, dass es nicht notwendig war. Ich sage das schon. Durststrecken, wo man nicht Stammspieler ist bzw. sich durchbeißen muss, gehören dazu. Diese Zeit hat mich geprägt und war extrem wichtig. Es war keine schöne Zeit, aber für die Persönlichkeit essentiell.“

Ivanschitz und seine Berater handelten im Sommer 2006 dennoch schnell. Es folgte die Flucht nach Griechenland, wo er bei Panathinaikos Athen ein heißes Pflaster betrat, aber unbestritten sein Glück fand.

„Weiß nicht, was im Ausland auf einen zukommt“

Der ÖFB-Kapitän spricht von einem unheimlich wichtigen Schritt: „Natürlich weiß man vorher nicht, was auf einem im Ausland zukommt. Du verlässt deine gewohnte Umgebung und musst wieder neue Freunde finden. Außerdem muss man sich im Verein neu beweisen. Das war eine sehr wertvolle Erfahrung.“

Wie lange der 24-Jährige noch im Schatten der Akropolis Erfahrungen sammeln darf, steht aktuell in den Sternen. Der Leihvertrag mit „Pao“ ist ausgelaufen, der Kontrakt mit Salzburg läuft noch ein Jahr.

Eine Rückkehr zur Bullen-Herde erscheint jedoch ausgeschlossen, ein Verbleib im Ausland ist das angestrebte Ziel. Ein „Endziel“ auf seiner Reise als Fußball-Profi gäbe es jedoch nicht:

„Es gibt nur die nächsten Schritte. So wie der Schritt nach Salzburg einer war, ist der Schritt nach Athen ein weiterer. Es werden noch einige folgen. Ich habe kein Traumland im Kopf. Im Fußball geht es sehr schnell. Deswegen schaue ich nicht zu weit nach vorne, sondern konzentriere mich darauf, was jetzt ist.“

„Gut genug für eine Überraschung“

Jetzt ist EURO, wo Ivanschitz eine junge, aber talentierte Elf aufs Feld führen wird. War er vor einigen Jahren noch Trendsetter in Sachen rot-weiß-rotes Talent, sind ihm inzwischen viele gefolgt.

„Als ich zum Nationalteam gekommen bin, waren doch noch ältere Spieler dabei. Ich konnte sehr viel lernen und langsam Fuß fassen. Der richtige Umbruch kam erst mit der Ära Hickersberger. Ich finde es wichtig, dass den jungen Spielern die Chance geboten wird. Wir werden in den nächsten Jahren davon enorm profitieren.“

Prognose für die EURO möchte er keine abgeben. Das Ausrufen des Ziels EM-Titel würde auch nicht zum Charakter jenes Mannes passen, der dazu neigt, jedes Wort auf die Waagschale zu legen. Aber: „Für eine Überraschung sind wir gut genug. Davon bin ich überzeugt.“

Ob der „Capitano“ in Wahrheit nicht doch in ruhigen Momenten von der Entgegennahme des EM-Pokals träumt…?

Peter Altmann