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'Ein Turnier muss man gefälligst gewinnen wollen'

Von Güssing in die weite Fußballwelt: Stranzl wechselte 1997 zu 1860

Wien – Martin Stranzl fühlt sich ein wenig verfolgt. Von Rang 2.

Bei der EURO möchte der 27-Jährige – frei nach einer Wortschöpfung seiner Ehefrau – ein „Goldjunge“ werden.

Denn „Vize“ wurde er mit Spartak Moskau zuletzt oft genug. Selbst seine geliebten Pittsburgh Penguins wurden im NHL-Stanley-Cup zuletzt „nur“ Zweiter.

Die Brücke zwischen seinem Lieblings-Eishockey-Team aus der NHL und dem Nationalteam drängt sich förmlich auf.

„Man muss sehen, wo sie noch vor zwei Saisonen waren“, sagt der Burgenländer - auch die „Pens“ grundelten jahrelang am Boden der Bedeutungslosigkeit, ehe sie wie Phönix aus der Asche emporschossen.

Einen steilen Aufstieg hat auch der ÖFB-Abwehrchef hinter sich – vom unterschätzten Kicker des BNZ Burgenlands, der für seinen Entschluss in Deutschland durchstarten zu wollen belächelt wurde, zum Führungsspieler des Nationalteams.

Im exklusiven LAOLA1-Interview spricht Stranzl über die Beweggründe für den Abschied aus Österreich, Höhen und Tiefen bei 1860, sein Leben in der russischen Metropole Moskau, den langwierigen Lernprozess am Weg zur Leader-Figur und wie die Gründung seiner Familie seine Prioritäten neu gesetzt hat.

Und kurz vor EURO-Ankick besonders wichtig: Warum es auch für Außenseiter Österreich „gefälligst“ das Ziel sein muss, das Turnier gewinnen zu wollen.

LAOLA1: Wann war für dich absehbar, dass du mehr Talent hast als andere, dass es für den Profi-Fußball reichen wird?

Martin Stranzl: Mehr Talent als die anderen habe ich eigentlich nie gehabt. Es gab immer Freunde oder Kollegen, die vom Talent oder Potenzial her viel mehr Möglichkeiten gehabt hätten. Ich habe mir halt alles erarbeitet und alles andere hinten angestellt. So richtig bewusst gesagt, dass ich Profi werden will, habe ich mit 15 oder 16 Jahren, als ich auch das erste Mal in der Junioren-Nationalmannschaft war. Wobei: Mein Onkel meint immer, dass ich schon als kleine Kind gesagt hätte, dass ich Profi-Fußballer werden will, aber selbst kann ich mich daran eigentlich nicht erinnern.

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Martin Stranzl im LAOLA1-Video-Porträt

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Fokussiert auf ein Ziel

LAOLA1: Das heißt, du hast früh bemerkt, dass Wille ebenso entscheidend ist wie Talent?

Stranzl: Ja klar. Wenn man selbst merkt, dass das Talent nicht so vorhanden ist, muss man in anderen Bereichen mehr investieren, wenn man Erfolg haben will. Deswegen habe ich immer mehr gearbeitet als alle anderen. Ich bin am Wochenende nicht in die Disco gegangen. Du kannst nicht sagen, heute lasse ich das Training mal aus. Deshalb bin ich, glaube ich, auch soweit gekommen, wie ich es bisher bin.

LAOLA1: Mittlerweile ist es modern, als Teenager ins Ausland zu gehen. Bevor du zu 1860 München gegangen bist, hat mit Harald Cerny nur ein Österreicher auf diesem Weg den Durchbruch geschafft. Wie mutig war dein Schritt?

Stranzl: Ich habe eigentlich nie viel wert darauf gelegt, was andere denken, ich habe immer meinen Kopf durchgesetzt. Ich habe nur hintenrum mitgekriegt, dass es doch sehr viel Kritik gegeben hat, dass ich nach Deutschland gegangen bin und dort die Ausbildung machen wollte. Aber das hat mich nie irritiert. Ich wollte das einfach machen, weil wir mit der Nationalmannschaft gegen Deutschland und auch Frankreich immer relativ hoch verloren haben. Da habe ich mir gesagt: Da stimmt ja irgendetwas nicht, dort wird wahrscheinlich anders gearbeitet oder irgendetwas anderes wird dort besser gemacht. Das wollte ich selber sehen, deshalb bin ich nach Deutschland gegangen.

LAOLA1: Wurde besser gearbeitet?

Stranzl: Ja, im Endeffekt war es auch so, dass dort anders trainiert und gearbeitet worden ist. Das heißt jetzt nicht, dass im BNZ Burgenland schlecht gearbeitet worden ist, aber der Umfang in Deutschland war eben ein ganz anderer als wir es im BNZ gemacht haben. Das BNZ war für mich dennoch wichtig, denn es ist notwendig, dass man eine gute Grundlage und Basis mitbringt.

Seit März 2006 spielt er für Spartak - nun will ihn auch Celtic Glasgow

LAOLA1: Ist es dein Lebensmotto, dich mit den Besten messen zu wollen?

Stranzl: Mein Lebensmotto ist: Höre nie auf, an dir zu arbeiten. Da ist es eigentlich egal, welche Gegenspieler du hast. Daran halte ich mich. Dass ich hin und wieder übers Ziel hinausgeschossen habe, als ich noch jünger war, ist mir auch bewusst. Da kamen dann Verletzungen hinzu. Das versuche ich jedoch mittlerweile ein bisschen einzugrenzen, damit das nicht mehr so oft der Fall ist.

LAOLA1: München ist keine Kleinstadt. Wie war die Umstellung im Vergleich zum beschaulichen Burgenland?

Stranzl: Nicht groß, weil ich es gleich gemacht habe wie hier: Ich bin eigentlich nie weggegangen, habe mich immer auf meine Arbeit als Fußballer konzentriert. Damals habe ich noch bei den Amateuren gespielt, und hauptsächlich die Schule gemacht. Die Lehrer haben nie Probleme gemacht, wenn ich mal früher zum Training musste. Ich habe mein Abitur in Deutschland ohne Probleme bestanden. Für die Stadt habe ich mich nie so richtig interessiert.

LAOLA1: Auch die Reifeprüfung durch den Sprung zu den Profis kam schnell. Wer waren die Persönlichkeiten, die dich bei den „Löwen“ gefördert haben?

Stranzl: Es war von Anfang an so, dass ich als jüngerer Jahrgang immer schon bei den älteren mittrainiert habe. Peter Pacult war das Bindeglied zwischen Amateur- und Profi-Mannschaft. Nach den Spielen durften immer drei, vier Amateurspieler bei den Profis mittrainieren. Da war ich immer dabei. So ist alles ins Laufen gekommen. Werner Lorant hat mir dann die Möglichkeit gegeben, Spiele zu bestreiten. Das habe ich recht gut erledigt.

 

LAOLA1: Werner Lorant und Peter Pacult genießen einen forschen Ruf…

Stranzl: Ich sage einmal so: Sie haben sich sehr gut ergänzt. Peter war damals Co-Trainer und hat immer einen lockeren Spruch draufgehabt, aber immer auch mit der notwendigen Ernsthaftigkeit die Spieler nach vorne gepeitscht. Werner Lorant hat Gas gegeben, war ziemlich hart im Training, aber in Vier-Augen-Gesprächen war es immer super. Er hat immer genau erklärt, was er erwartet. Dieses Duo war für mich als jungen Spieler sehr wichtig.

LAOLA1: Neben dir spielten zwischenzeitlich Cerny, Pürk, Prosenik und Weissenberger bei 1860, Pacult wurde Cheftrainer. Inwiefern habt ihr die blauen Sechzger rot-weiß-rot gefärbt?

Stranzl: Für uns war es natürlich schön, dass so viele Österreicher da waren, aber es ist von den Medien und vom Umfeld überhaupt nicht positiv aufgenommen worden. Wenn wir schlecht gespielt haben, hat es geheißen: Die Österreicher sind schuld. Wenn wir gut gespielt haben, waren alle anderen gut. Deswegen war es auch schwierig, damit umzugehen.

LAOLA1: Die Münchner Boulevard-Medien sind berüchtigt. Verfolgt man die österreichischen Medien relaxter, wenn man das miterlebt hat?

Stranzl: Man weiß es irgendwo anders einzuschätzen, was in den Medien geschrieben wird. In ganz Deutschland, nicht nur in München, sind die Medien anders. Aber man muss sich auf seine Arbeit konzentrieren und versuchen, das so gut wie möglich auszuknipsen. Sonst wird man sowieso verrückt. Aber in Österreich ist es im Vergleich eigentlich harmlos, was geschrieben wird und eigentlich sehr angenehm mit den Medien zu arbeiten.

LAOLA1: Auch in Österreich ging für dich alles sehr schnell, mit 19 hast du im Nationalteam debütiert. Damals haben wenige junge Spieler den Sprung geschafft. Hast du dich noch vor Andreas Ivanschitz als „Quoten-Talent“ gefühlt, auf das alle schauen?

Stranzl: Ich habe mich da nie so angesprochen gefühlt. Natürlich ist in den Medien immer wieder etwas gestanden. Das kriegt man auch mit. Ich habe das aber immer links liegen gelassen und mir gedacht: Wenn ich meine Arbeit gut mache, ergibt sich sowieso alles von selbst. Mir war wichtig, dass ich einen Stellenwert in der Mannschaft habe, immer alles gebe und die Spieler sehen, dass ich da bin.

LAOLA1: Dennoch warst du als junger Spieler im ÖFB-Team lange allein auf weiter Flur…

Stranzl: Es ist richtig, dass damals wenig junge Talente den Sprung in die Nationalmannschaft geschafft haben, deswegen haben wir danach auch die Schwierigkeiten gehabt. Es war wirklich ein Bruch da, ich glaube drei, vier Jahre lang ist nichts gekommen. Dann kam Andi Ivanschitz, dann der „Pogerl“. Jetzt kommen Gott sei Dank immer wieder schnell junge Spieler nach. Deswegen glaube ich, dass wir in Zukunft wieder mehr Erfolg haben werden. Aber es fehlt halt irgendwo eine Generation.

LAOLA1: Nach dem Abstieg mit 1860 bist zu nach Stuttgart gewechselt. Wie ist dir die Zeit dort in Erinnerung?

Stranzl: Ich habe eine sehr schöne Zeit in Stuttgart erlebt. Im ersten Jahr unter Trainer Mathias Sammer haben wir sehr erfolgreich gespielt. Leider Gottes hat es aufgrund verschiedener Sachen nicht geklappt, dass wir in die CL-Qualifikation gekommen sind. Aber die Stimmung in der Mannschaft war immer bestens, wir hatten Super-Einzelspieler. Für meine Entwicklung war diese Saison sehr positiv.

LAOLA1: Sammer-Nachfolger Giovanni Trapattoni war dann nicht dein bester Freund, oder?

Stranzl: Das würde ich so überhaupt nicht sagen. Ich habe unter Trapattoni sehr wohl sehr viel im taktischen Bereich gelernt. Nur war es so, dass er mich auf einer anderen Position gesehen hat, wo ich mich nicht wirklich wohl gefühlt habe. Im Jahr davor habe ich im ersten Halbjahr durchwegs Innenverteidiger gespielt, und dann durch verschiedene Verletzungen mal links oder rechts oder auch im defensiven Mittelfeld ausgeholfen. Für ihn bin ich aber eigentlich nur als Außenverteidiger in Frage gekommen. Ich habe mich dann entschieden, etwas ganz Neues zu versuchen, und der Verein hat mir Gott sei Dank die Möglichkeit dazu gegeben.

LAOLA1: Du meinst den Wechsel zu Spartak. Moskau ist für viele Österreicher eine fremde Welt. Wie darf man sich das Leben dort vorstellen?

Stranzl: Ich würde sagen, nicht anders als in jeder anderen Großstadt auch. Nur der Verkehr ist dadurch, dass die Stadt 15 Millionen Einwohner hat, eine Katastrophe, und auch die Luftverschmutzung ist dementsprechend. Das ist, was mich am meisten stört. Ansonsten ist das Leben wie überall anders auch. Das Essen ist hervorragend, man kann sehr viel in der Stadt unternehmen. Man kann mit der Familie in den Park gehen, einkaufen gehen. Die Stadt ist sehr vielfältig, und das macht richtig viel Spaß.

LAOLA1: Gibt es Sicherheitsbedenken?

Stranzl: Ich bin jetzt über zwei Jahre dort, und es war noch nicht einmal irgendetwas, wo man sagen könnte, das wäre gefährlich, im Gegenteil. Bei den Wohnungen sitzt unten ein Wachmann, der kontrolliert, wer rein und rausgeht. Man hat seinen elektronischen Schlüssel, das ist in Moskau eigentlich Standard. Natürlich, wenn man das nicht von wo anders kennt, denkt man sich: Oh, verschärfte Sicherheitskontrollen. Aber das ist nicht der Fall.

LAOLA1: Wie stark russische Vereine sein können, hat man im UEFA-Cup gesehen. Wird unterschätzt, auf welchem Level du spielst bzw. ist Russland am Weg zur fünften Top-Liga?

Stranzl: Auf alle Fälle. In Russland hat sich der Fußball enorm entwickelt. Es ist nicht so, dass nur die „großen“ Mannschaften die Liga bestimmen, sondern auch die kleinen haben irrsinnig aufgeholt. Das Einzige, was in der Liga noch fehlt, ist die Infrastruktur. Mit den Stadien in Europa kann die Liga noch nicht mithalten. Aber die Vereine planen neue Stadien, da wird sich in den nächsten drei, vier Jahren einiges verändern. Dann glaube ich, dass die Liga ohne weiteres mit den Top-Ligen in Europa mithalten kann, und auch so genannte Stars in die Liga wechseln werden.

LAOLA1: Kommen wir zum Nationalteam. Inwiefern fühlst du dich privilegiert, schon in relativ jungen Jahren zur Führungspersönlichkeit aufgestiegen zu sein?

Stranzl: Ich habe mir das erarbeiten müssen. Als ich zur Nationalmannschaft gekommen bin, waren noch andere Spieler da. Das war für mich wichtig, denn du brauchst Spieler, wo du dich anlehnen kannst. Genauso wichtig ist es, dass man selbst Verantwortung übernimmt. Das habe ich früh versucht. Das ist nicht immer gut gegangen. Denn du kannst dich natürlich nicht nur auf deine eigene Leistung konzentrieren, sondern musst auch auf andere Bereiche schauen, und da geht natürlich Substanz verloren. Man muss lernen, das genau einzusetzen, sonst leidet die eigene Leistung darunter.

LAOLA1: Wie ist es dir gelungen?

Stranzl: Das war ein Lernprozess, es hat seine Zeit gedauert, bis ich diese Rolle wirklich gut ausfüllen konnte. Ich glaube aber schon, dass es mir in den letzten ein, zwei Jahren gelungen ist. Ich versuche da dran zu bleiben. Für mich ist immer wichtig, dass sich die jungen und weniger erfahrenen Spieler in Ruhe entwickeln können, dass wir ablenken und alles auf uns ziehen, damit da wirklich eine Entwicklung weiter geht.

LAOLA1: Einige ÖFB-Kicker nennen den EM-Titel als ihr Ziel. Der Erste, der das offen getan hat, warst du. Fühlst du dich bestätigt, dass du deine Kollegen „angesteckt“ hast?

Stranzl: Bestätigt nicht. Ich glaube aber, dass mittlerweile jeder registriert hat, dass, wenn man an einem Turnier teilnimmt, es gefälligst so sein sollte, dass man das Turnier auch gewinnen will. Betonung auf „wollen“. Wenn ich vorher sage, ich bin zufrieden, wenn ich das Viertelfinale erreiche – ja okay, das ist schön, aber es ist doch ein Turnier. Jede Mannschaft, die daran teilnimmt, will das Turnier gewinnen, sonst brauchst du ja gar nicht anzutreten. Wenn ich alles dafür gebe, dass ich ins Finale komme und das Turnier gewinne, dann glaube ich vom positiven Gedanken her schon, dass man sehr viel erreichen kann. Es ist mittlerweile in unserer Mannschaft schon so, dass der eine oder andere das so verinnerlicht hat und auch wirklich daran glaubt. Durchs Glauben allein kann man schon sehr viel erreichen.

LAOLA1: Für dich persönlich heißt es: Bei der EM zum „Goldjungen“ zu werden, und nicht „ewiger Zweiter“ zu bleiben…

Stranzl: Das hat meine Frau gesagt. In Moskau wurden wir zwei Mal in der Meisterschaft und einmal im Pokal Zweiter. Da hat sie den Spruch gesagt: Du bist halt noch kein Goldjunge. Ich habe geantwortet: Ich hebe es mir für die EM auf. Es wäre schön, wenn es funktionieren würde. Dass es schwierig ist, ist überhaupt keine Frage. Vom einen oder anderen Medium ist es müde belächelt worden, aber das ist gut so, dadurch wird man unterschätzt. Ich sage immer: Die Gegner, die man unterschätzt, sind am Schwierigsten und Gefährlichsten.

LAOLA1: Du hast inzwischen eine Familie gegründet. Wie wichtig sind Ehefrau und Sohn als Rückhalt?

Stranzl: Für mich war früher immer Fußball an oberster Stelle, das kann meine Frau auch bestätigen. Seit wir geheiratet und ein Kind gekriegt haben, hat sich aber doch vieles verändert. Es ist teilweise auch sehr schwierig, wenn man von zu Hause weg ist. Man fragt sich: Geht’s allen gut? In Moskau war ich in der Vorbereitung viereinhalb Monate allein. Das ist von der Psyche her schon schwierig. Ich glaube, da lernt man auch sehr viel dazu. Da hat sich schon einiges verändert. Familie ist an oberster Stelle für mich. Wichtig ist, dass es Frau und Sohn gut geht. Natürlich ist Fußball auch sehr wichtig, aber man sieht, dass es nicht alles im Leben ist, dass wirklich der einzelne Mensch mehr zählt. Deswegen bin ich auch froh, dass es der Familie gut geht und ich sorge halt dafür, dass es uns auch nach dem Fußball weiter gut geht.

Das Gespräch führte Peter Altmann