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"Es ist mein Leben, also entscheide ich selbst"

Sebastian Prödl ist seit seiner Kindheit ein Fan von Sturm Graz

Wien – „Wer vom Fußball leben will, muss für den Fußball leben.“

Zu wem passt diese pragmatische Sicht der Dinge wohl besser als zu Sebastian Prödl, der Bodenständigkeit in Person in der Fußball-Szene. Und einem der Shooting-Stars schlechthin in den letzten eineinhalb Jahren.

Mit einem Bundesliga-Spiel am Buckel feierte er den Jahreswechsel 2007, danach stieg der Innenverteidiger auf die Phönix aus der Asche – Stammplatz bei Sturm Graz, Kapitän der U20-WM-Helden, aus dem Nationalteam nicht mehr wegzudenken, Transfer zu CL-Starter Werder Bremen.

„Klar kommen mit dem Erfolg auch Schulterklopfer, aber davon darf man sich nicht irritieren lassen“, gibt das mit 20 Jahren jüngste Mitglied des ÖFB-EURO-Kaders im Gespräch mit LAOLA1 zu Protokoll. Ablenkung durch falsche Freunde findet er schlicht und einfach „dumm.“

„Es ist mein Leben, also möchte ich selbst entscheiden“

„Ich habe immer noch die gleichen Freunde. Auch wenn man ein bisschen beliebter ist, ist man ja immer noch der gleiche Mensch wie vorher. Die Leute, die ich gut kenne, gehen mit mir gleich um, und ich mit ihnen. Das hilft mir natürlich nicht anzuheben.“

Prödl, eine spannende Mixtur aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein, Zielstrebigkeit und Verantwortungsbewusstsein.

Dazu passt wie die Faust aufs Auge, dass der 1,94-Meter-Schlacks immer noch keinen Manager hat. Er ist sein eigener Herr, will sich von keinen Einflüsterern dreinreden lassen. Erst den Vertrag mit Werder Bremen habe er  von Jürgen Werner fachkundig abwickeln lassen, die Wahl des neuen Arbeitgebers oblag nur ihm selbst:

„Es ist mein Leben, also möchte ich meine Entscheidungen selbst treffen, denn meine sportliche Zukunft werde nur ich verkörpern und kein Manager, kein Vater, keine Mutter, kein Bruder. Damit, wie ich in Bremen zurechtkomme, muss ich selbst umgehen.“

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Prödl und "seine" Sturm-Fans

„In jungen Jahren muss man intelligent genug sein“

Eine Einstellung, die eng mit dem familiären Background zusammenhängt. „Basti“ wurde im Juni 1987 mitten in eine Unternehmer-Familie hineingeboren. Aufgewachsen ist er in einer 2000-Seelen-Gemeinde in der tiefsten Oststeiermark:

„Ich bin stolz auf meine Herkunft. Kirchberg ist ein kleines, nettes Dorf, wo man natürlich jeden kennt. Es ist ein gutes Gefühl, in die Heimat zu kommen, wo du Kraft tanken kannst und wo jeder hinter dir steht.

Die Absicherung durch den elterlichen Betrieb ist ihm sehr wichtig, der erfolgreiche Abschluss der Matura ein Anliegen gewesen, das Tischlerei-Unternehmen des Papas, wo er schon einige Male hineingeschnuppert hat, sein Notplan:

„In jungen Jahren muss man intelligent genug sein und darf sich nicht nur auf die Fußball-Karriere versteifen. Man muss auf alle Fälle ein zweites Standbein haben, denn Verletzungen oder andere Sachen können schnell passieren, so dass man die Karriere an den Nagel hängen muss.“

Gruabn + Vastic = Sturm-Fan Prödl

Durch seinen Großvater, den Firmengründer, und seinen Papa hat Prödl von Kindheit an vorgezeigt bekommen, was es heißt Führungskraft zu sein: „Da bekommst du sicher einiges mit. Denn ich denke, wenn deine Persönlichkeit privat gestärkt ist, kannst du das auch auf das Fußballfeld übertragen.“

Führungskraft am Platz zu sein, sicherlich der Anspruch des Sebastian P. Auch wenn er diese Rolle laut eigener Einschätzung im Profi-Fußball, abgesehen von der U20-WM, noch nicht so zeigen konnte.

 

In Graz sei anfangs Nebenmann Frank Verlaat ein hilfreicher Lehrer gewesen, der ihm ein „gewisses Knowhow“ vermittelt habe: „Er hat die Denkarbeit übernommen, ich eher die Laufarbeit.“

Der SK Sturm – fraglos der Lebensverein Prödls. Und zwar von jüngster Kindheit an:  „Ich war mit meinem Vater und meinem Bruder in der Gruabn und habe dort bei der Ehrenrunde mit Ivica Vastic eingeschlagen. Das war eigentlich das ausschlaggebende Erlebnis dafür, dass ich gesagt habe: Mein Herz schlägt für Sturm. Als sich die Chance geboten hat, nach Graz zu gehen, ist für mich außer Diskussion gestanden, dass es Sturm werden muss.“

„Wollte, dass Sturm etwas zurückbekommt von mir“

Wie so viele andere Rohdiamanten in letzter Zeit wurde auch der Mann mit der Rückennummer 15 von Trainer Franco Foda geschliffen. Prödl fühlt sich zu einem Dankeschön verpflichtet:

„Sein großes Plus ist: Er kennt jeden Spieler in- und auswendig. Er hat auch meine Stärken und Schwächen sofort erkannt, und mich zum richtigen Zeitpunkt auf der richtigen Position eingesetzt. Aber er kennt nicht nur mich sehr gut, sondern heute noch alle Spieler bis runter zur U15.“

Prödl wollte die „Blackies“, bei denen er mit 14 Jahren anheuerte, auf keinen Fall ablösefrei verlassen: „Ich wollte, dass Sturm etwas zurückbekommt von mir und nicht durch die Finger schaut. Mit der Abfindung kann man wieder in die Zukunft investieren.“

Die Kontonummer Sturms liegt nun auf der Bremer Geschäftsstelle. Die Werderaner gingen bekanntlich als Sieger aus dem Feilschen um die Dienste des Jungspunds hervor. Los ging der Hype nach der U20-WM:

„Schmunzeln, wenn Namen Prödl und Milan gleichzeitig fallen“

„Es war eigentlich schon arg, von 0 auf 100 sind ausländische Vereine gekommen“, erinnert sich Prödl, beteuert aber, dass vieles auf Gerüchte aufgebaut gewesen sei. Weshalb das Blättern in Gazzetten bisweilen zum Gaudium wurde:

„Ich glaube, wenn die Namen Prödl und Milan gleichzeitig fallen, kann man nur schmunzeln. Ein paar Sachen waren kompletter Schwachsinn.“

Er selbst habe sich dadurch nicht beirren lassen und nur für die tatsächlichen Angebote interessiert: „Das waren drei Stück. Auf die Vereine möchte ich nicht näher eingehen, weil ich mich nicht rechtfertigen will. Ich kann nur so viel sagen, dass ich mit Werder sportlich die beste Entscheidung getroffen habe.“

Weil in der Hanse-Stadt mit Trainer Thomas Schaaf und Sportdirektor Klaus Allofs ein Team am Werk sei, das über einen längeren Zeitraum arbeiten kann, immer wieder mit jungen Spielern Erfolg habe und die Früchte der eigenen Arbeit ernten würde.

Ab der kommenden Saison verdient Prödl sein Geld bei Werder Bremen

15 Jahre Werder Bremen?

Die Mär, dass er Bremen nur als Sprungbrett sieht, wolle er gerade rücken. Das sei vielmehr so gemeint gewesen, dass sich dort schon Akteure wie Naldo oder Diego ins Rampenlicht gespielt hätten:  „Für mich wäre es natürlich wunderschön, wenn ich 15 Jahre bei Werder Bremen spielen dürfte, weil es ein internationaler Topverein ist.“

Seinen Status als landesweiten Publikumsliebling verdankt Prödl aber weniger seinen Leistungen bei Sturm oder dem Transfer zu Bremen, sondern seiner Leaderrolle bei der U20-WM, bei der er sogar ins Team des Turniers gewählt wurde.

Der Abwehrchef spricht heute noch von einem „Wahnsinn“ und einer Leistung, die man nicht schmälern dürfe:

„Diesen Erfolg hätte uns keiner zugetraut. Das war auch der Grund, warum wir so hochgejubelt wurden, was uns teilweise gar nicht so recht war. Denn man hätte sich die Gegner anschauen können, wir hätten im Nachhinein auf durchaus schwierigere Kaliber bei treffen können.“

„Platz 4 in Kanada wird uns ewig verbinden“

Kapitän dieser Truppe zu sein, sei keine schwierige Aufgabe gewesen, weil man eine eingespielte Mannschaft hatte und auch privat ein gutes Kollektiv war. Auch heute wird der Kontakt noch gepflegt:

„Wenn irgendein Spieler einen Transfer abwickelt, freut man sich mit ihm. Der 4. Platz in Kanada wird uns ewig verbinden, diese Freundschaften werden bestehen bleiben. Wir hatten einfach eine unglaubliche Zeit mit einem Super-Team.“

Eine unglaubliche Zeit peilt der Steirer auch mit dem Nationalteam bei der EURO, wo die Turniererfahrung aus Kanada sicher kein Nachteil sei, an. Die letzten Leistungen gegen Deutschland und Holland (zwei Prödl-Tore beim 3:4) machen Mut:

„Ich glaube, wenn wir ein gutes Auftaktspiel gegen die Kroaten machen, könnte Österreich eine Euphoriewelle überrollen.“

Nicht die Nummer 1 in der Familie?

Für den 8-fachen Internationalen ist die Rolle als Underdog, der nur überraschen kann, ideal: „Ich bin überzeugt davon, dass wir einige Kritiker und Meinungsmacher übertreffen werden und für österreichische Verhältnisse eine gute EM spielen werden.“

Mit einem Erfolg bei der EURO wäre „Basti“ auch familienintern endlich unumstritten die Nummer 1. Denn böse Zungen würden behaupten, dass dies noch seine 17-jährige Cousine Victoria Schnaderback ist. Denn die spielt immerhin beim großen FC Bayern, laboriert allerdings aktuell an einem Kreuzbandriss.

Mit ehrgeizigem Augenzwinkern hält Prödl dagegen: „Ich glaube, ich bin ab Sommer mit Werder Bremen bei einem minimum gleich guten Verein. Aber gut, sie ist noch jünger als ich, also hat sie in frühen Jahren mehr erreicht… “

Für die „weibliche Konkurrenz“ gibt es jedoch jede Menge Lob: „Sie hat auch sehr viel Talent. Anscheinend liegt das bei uns in der Familie.“

Quasi eine Familie, die für den Fußball lebt, aber nicht nur vom Fußball...

Peter Altmann