Das rot-weiß-rote Kind aus Tirana

- Ronald Gercaliu kehrt nach seiner Leih- Zeit in Wien wieder nach Salzburg zurück
Wien – Während der Großteil des ÖFB-Teams auf eine wohl behütete Kindheit – zumeist auf dem Land – zurückblicken kann, stammt Ronald Gercaliu aus anderen Verhältnissen.
Der 22-Jährige ist in Tirana aufgewachsen. „Ich hatte in Albanien keine schöne Zeit, das Leben dort war schwer“, erinnert sich der Abwehrspieler im Gespräch mit LAOLA1 zurück.
Da war der Fußball das ideale Mittel, um Gedanken vom beschwerlichen Leben abzulenken. Der kleine Ronnie hat nach der Schule nie viel zeit verloren, ehe er den Fußball in Händen beziehungsweise zwischen den Beinen hatte.
Der Opa war ein berühmter Tormann
„Es hat für mich immer nur den Fußball gegeben. Zuerst kam der Fußball, dann die Schule“, erzählt der Blondschopf.
Die Familie hat sich nie daran gestoßen, bestand sie doch selbst zu großen Teilen aus Fußballverrückten. Opa Gercaliu genoss in der albanischen Hauptstadt sogar den Ruf eines ausgezeichneten Torhüters.
Da war es naheliegend, dass das Enkerl sich auch in einem Verein die ersten Sporen verdient. Mit sechs Jahren kickte der aktuelle Salzburg-Profi bereits bei Partizan Tirana.
Der große Schnitt: Gercaliu geht nach Österreich
Fünf Jahre später verließ Gercaliu seine Heimat. Seine Tante, wohnhaft in der Steiermark, nahm den Burschen auf und adoptierte ihn kurz darauf. Keine leichte Zeit für den Linksverteidiger.
Zwar hatte er in Albanien schon einen Deutschkurs besucht, der österreichische Dialekt machte ihm aber doch zu schaffen. „Vor allem in der Schule hatte ich Verständigungsprobleme. Letztendlich habe ich es aber geschafft und darauf bin ich sehr stolz“, rekapituliert der Kicker.
Vom Stürmer zum Verteidiger
In seiner neuen Heimat habe er sich sehr schnell für den SK Sturm entschieden. Bereits nach dem ersten Probetraining war auch den Grazern klar, dass sie dieses talentierte Bürschchen nicht ziehen lassen sollten.
Im Nachwuchs der Steirer zeichnete sich zuerst aber keine Verteidiger-Karriere ab. „Ich war zunächst Stürmer, dann bin ich ins Mittelfeld zurück gerückt und schlussendlich bin ich zum Verteidiger geworden“, skizziert der 22-Jährige seinen Werdegang.
Video

- Die Zeit in Salzburg ist dem Verteidiger in keiner guten Erinnerung geblieben
Austria statt Cottbus
Doch der heute 22-Jährige wollte mehr: „Darum bin ich zum SK Sturm zurückgekehrt. Ich wollte spielen und mich für das Nationalteam bewerben.“
Es sollte eine Rückkehr auf Zeit bleiben. Denn schon im Winter zog es den Linksverteidiger, der bei der Austria unter Georg Zellhofer zeitweise auch im linken Mittelfeld zum Einsatz kam, wieder fort aus Graz. Wien wurde seine nächste Station.
„Eigentlich war ein Wechsel nach Cottbus geplant – das hat aber wegen einer FIFA-Regel nicht geklappt. Ich war enttäuscht, das Ausland war und ist immer noch mein erklärtes Ziel“, erinnert sich der Spieler.
Zur Erklärung: Neben dem SK Sturm hatte Gercaliu in dieser Saison auch schon für die Amateure der Salzburger gespielt. Auch Roman Wallner sollte mit seinem Wechsel zu Apollon Kalamarias an diesem FIFA-Statut scheitern.
Erinnerungen an Newcastle und Leeds
Doch die Enttäuschung über den geplatzten Auslands-Transfer war schon sehr bald wieder verflogen: „Die Austria war dann aber das Beste, das mir passieren konnte. Ich habe mich in Wien sehr gut entwickelt.“
Noch in dieser Saison feierten die Violetten den Cupsieg – der bis dato einzige Titel Gercalius. Verständlich, dass er keinen Gedanken mehr an Cottbus verschwendete. Auch nicht an die anderen Auslandsmöglichkeiten, die er gehabt hätte. „Newcastle war ein Thema, bevor ich zu Salzburg gegangen bin. Damals war ich der Meinung, dass ich noch zu jung bin. Vor meiner Rückkehr zum SK Sturm ist auch ein Wechsel zu Leeds im Raum gestanden“, blickt der Blondschopf doch zurück.
Auch privat ein Sportler
Denn eines ist ganz klar: „Die Premier League ist mein großer Traum.“ Unter großen Trainern arbeitet der neunfache Internationale besonders gerne. Wenn die Sprache auf Giovanni Trapattoni fällt, gerät der Kicker sofort ins Schwärmen.
„Unter ihm zu trainieren war ein tolles Erlebnis, er hat sich nach dem Training sogar Zeit für Sonderschichten mit mir genommen“, lächelt der Verteidiger.
Sonderschichten legt er auch privat immer wieder ein. „Ich bin ein Mensch, der gerne in Bewegung ist. Am liebsten im Freien“, beschreibt sich Gercaliu. Ob nun Jogging, Basketball, Schwimmen oder Tennis mit der Freundin – egal, Hauptsache es tut sich etwas.
"Griechenland hat's geschafft – warum nicht wir auch?"
Obwohl vom Alter her zugehörig, ist der Doppelstaatsbürger also kein typisches Mitglied der „Playstation-Generation“. „Früher habe ich ab und zu gespielt, jetzt interessiert mich das überhaupt nicht mehr“, erteilt er dem Gamepad eine deutliche Absage.
Angesagt ist hingegen das Träumen von der EURO 2008: „Natürlich denke ich manchmal drüber nach, wie es wäre den EM-Titel zu holen. Wir spielen im eigenen Land, habe die Fans im Rücken und sind hochmotiviert. Griechenland hat in Portugal gewonnen, warum sollten wir das nicht schaffen?“
Für Gercaliu wäre es besonders wichtig, wenn das ÖFB-Team möglichst weit kommen würde. „Ich habe eine sehr große Familie, demnach haben mich schon sehr viele Leute nach Karten gefragt. Alle kann ich leider nicht glücklich machen...“
Harald Prantl


















